Ausstellen oder Eingreifen?

Zur Eröffnung der Ausstellung „Demonstrationen. Vom Werden normativer Ordnungen“ im Frankfurter Kunstverein am 19.01.2012

Am Morgen des 19.01.2012 verteilten wir – d.h. ein Zusammenschluss der Diskursgruppe „Bildung, Kultur und Gesellschaft“, sowie des Arbeitskreises „Kunst und Kultur“ der Occupy:Frankfurt-Bewegung – zur Pressekonferenz im Frankfurter Kunstverein folgenden Flyer an die Gäste der Veranstaltung, um unseren Widerspruch zum etablierten Kulturbetrieb zu artikulieren und zu neuen Formen solidarischen Schaffens zum Wohle aller aufzurufen.

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AUSSTELLEN ODER EINGREIFEN?

 

„Nur am Widerspruch des Seienden zu dem, was zu sein es behauptet,

lässt Wesen sich erkennen.“ (Adorno)

Demonstrationen und öffentlicher Widerstand gegen ein globales wirtschaftliches und politisches System, das die zur Verfügung stehenden Mittel und Ressourcen nicht zur Erreichung eines gelingenden Lebens für alle einsetzt, sind keine auszustellende Ware. Sie sind eine konkrete Manifestation des praktisch werdenden Widerspruchs gegen eine gesellschaftliche Struktur, in der normativer Anspruch und gelebte Wirklichkeit auseinanderfallen und verweisen somit auf das Wesentliche: den antagonistischen und anachronistischen Zustand unserer Lebenswelt. – Darin dürften wir uns einig sein.

Die Gefahr der Musealisierung und Einsperrung des Protests, sowie das scheinbar bloß theoretische Interesse, „diesen lebendigen Momenten des Aushandelns und der kommunikativen Auseinandersetzung um normative Ordnungen“[1] nachzuspüren, besteht darin, dass zwar der Anschein einer Parteinahme für diesen Protest erweckt wird, beides jedoch zugleich als Sublimierung und/oder Rechtfertigungsideologie wirken könnte, indem der Dissens mit dem Bestehenden identitätslogisch in den Kulturbetrieb integriert und damit virtuell ausgeschaltet wird: an Stelle eines tatsächlichen Dialogs mit oder einer materiellen oder ideellen Unterstützung des praktischen Widerstands könnte eine Fetischisierung jenes „revolutionären Gedankens“ treten, der wohl in jedem gelungenen ästhetischen Ausdruck lauert und nur darauf wartet, Wirklichkeit zu werden.

Insofern die Ausstellungs- und Vortragsreihe „Demonstrationen. Vom Werden normativer Ordnungen“ auf dieselbe Kraft der Aufklärung zu setzen scheint, die auch hier in Frankfurt Menschen unterschiedlichster beruflicher und persönlicher Biografien zusammengeführt hat, um gemeinsam gegen Demokratieabbau und die Diktatur des Kapitals vorzugehen, möchten wir die Kunstschaffenden und Geistesarbeiter der Stadt zu einem gemeinsamen Dialog einladen, in dem in einem ersten Schritt konkret darüber beraten werden könnte, wie mittels öffentlicher Kulturvermittlung das bereits bestehende Potential noch weiter und umfassender entfaltet werden könnte.

Es ist für jeden Einzelnen von uns an der Zeit, gewohnte Haltungen aufzugeben und ungewohnte Verantwortung für die Allgemeinheit – jenseits der eingeschliffenen Funktionalität als Konkurrenten innerhalb des kapitalistischen Betriebs – zu übernehmen.

Wir können uns dem gemeinsamen kreativen Potential zur Gestaltung einer sozial, ökologisch und ästhetisch klügeren Lebensweise bewusst werden, an dieses Potential glauben und einen absolut offenen, nicht-elitären Diskurs jenseits der etablierten Räume beginnen.

Wir müssen uns ablösen vom Missverständnis einer ohnmächtigen „l’art pour l’art“, um kreative Impulse in die Öffentlichkeit zu tragen[2], die das Intendierte auch wirksam anstoßen können.

„Eine Kunst, die nicht der Versuchung unterliegt, zu verstummen, muss aufs Ganze gehen.“

(E. Canetti)


[1] Siehe Veranstaltungsprospekt, S. 1.

[2] Etwa durch Erzeugung eines medialen „Hypes“ durch solidarische Ausdrucksbewegungen des Kulturbetriebs und der Kulturvermittlung im öffentlichen Raum.

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Nach Gesprächen mit den Veranstaltern erhielten wir die Möglichkeit, am Abend, bei der öffentlichen Ausstellungseröffnung, einige Worte an das Publikum zu richten. Die Eröffnung wurde begleitet von einer kleinen Aktion im Eingangsbereich. Auf einem 4×2 Meter großen Transparent formulierten wir unsere Forderungen, ca. 20 Aktivistinnen und Aktivisten von Occupy:Frankfurt begleiteten die Aktion.

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// Rede // Ausstellungseröffnung „Demonstrationen. Vom Werden normativer Ordnungen.“ // Frankfurter Kunstverein // 19.01.2012 //

Einen schönen guten Abend!

Im voraus möchten wir uns bei Holger Kube Ventura und den Kuratorinnen dafür bedanken, dass wir als Aktivisten von Occupy Frankfurt anlässlich dieser Eröffnung ein kurzes Statement abgeben dürfen.

Der aktuelle globale Protest, der mit dem Arabischen Frühling 2011 begann, hat am 15. Oktober des vergangenen Jahres auch Frankfurt erreicht. Der Name „Occupy“ – zu deutsch: besetzen – steht für die Rückeroberung des öffentlichen Raumes als Forum des gegenseitigen Austauschs und des gemeinsamen Protests.

Aus Sicht der Arbeitskreise „Bildung, Kultur und Gesellschaft“, „Kunst und Kultur“ und dem Ak „Aktion“ – Initiativen im Rahmen von Occupy Frankfurt – stellt sich das Camp vor der Europäischen Zentralbank als ein sozialpolitisches Experiment von zeitgeschichtlicher Aktualität dar. Als öffentliches Forum mit Laborcharakter werden neue Formen einer basisdemokratischen Meinungsbildung erprobt; dies verbunden mit solidarischen Aktionen nach außen.

Das tägliche Zusammenleben im Frankfurter Occupy Camp spiegelt den Widerspruch zwischen den normativen Ansprüchen einer demokratischen Gesellschaft auf der einen, und ihrer Wirklichkeit unter der Allmacht der kapitalistischen Ordnung auf der anderen Seite. Zwischen Bankentürmen und Bahnhofsviertel bildet sich ein Zusammenschluss unterschiedlichster Menschen aller gesellschaftlichen Klassen, Altersgruppen und verschiedenster Herkunftsorte.

Das Camp verdeutlicht nicht symbolisch, sondern konkret die Risse in der normativen Ordnung. Es findet eine Annäherung zwischen gesellschaftlich Geschiedenen statt, die zur Zeit wohl als einmalig bezeichnet werden kann.

Neben dem lokalen Geschehen werden sowohl nationale als auch internationale Verbindungen aufgebaut. Im Zeitalter des Internets und einer globalisierten Welt, erscheint diese Vorgehensweise als zeitgemäß und notwendig. Auf globale Problemstellungen muss global reagiert werden.

Jeder hat die Möglichkeit, seine Fähigkeiten und sein Denken durch aktive Teilnahme vor Ort oder via virtueller Vernetzung einfließen zu lassen. Es handelt sich um einen kreativen Prozess des Entstehens einer sozialen Bewegung, die vorurteilslos für jeden offen steht, der dazu bereit ist, gesellschaftliche Verantwortung zu übernehmen…

Wir begrüßen, dass der Frankfurter Kunstverein in Zusammenarbeit mit dem Exzellenzcluster „Normative Orders“ das aktuelle und historische Thema „Demonstrationen und Proteste“ in den Fokus der Aufmerksamkeit rückt.

Der derzeitige Zustand der Welt, die nationalen und internationalen Missstände und Konflikte in Politik, Wirtschaft, Ökologie und auch im ästhetischen Alltagserleben der Menschen erfordern eine betrachtende Analyse.

Darüber hinaus zwingen sie allerdings auch geradezu zu einem Eingriff, der mehr sein muss als symbolischer Ausdruck und wissenschaftliches Nachspüren. Das Potential von Kunst – insbesondere einer gebündelten Kreativität durch solidarische Kunstvermittlung – kann im öffentlichen Raum eine noch größere und durchaus auch erforderliche Wirkung erzielen.

Bisher arbeiten noch viele gesellschaftskritische Institutionen und Bewegungen parallel zueinander, ohne dass dabei in einem durchgehaltenen Dialog gemeinsame, durchschlagende Inhalte besetzt wurden.

So verstehen wir auch den heutigen Abend als einen weiteren möglichen Anknüpfungspunkt, engagierte Menschen, die ihren Protest auf die Straße tragen, und die Entscheidungsträger des Kulturbetriebs mit ihrem enormen Potential zusammenzuführen.

Eine wirkliche Zusammenarbeit, die mehr als eine bloß diskursive und zeitlich begrenzte Auseinandersetzung sein könnte, ist sicherlich in unser aller Interesse.

Darum sind wir heute auch hier, um Sie darum zu bitten, unsere Einladung zum gemeinsamen Dialog und zum gemeinsamen Handeln anzunehmen.

Für den heutigen Abend der Ausstellungseröffnung wünschen wir allen Anwesenden eine Freudige, beziehungsweise eine zum Nachdenken anregende Zeit.

Kunst ist mehr als sinnliche Intervention und Einspruch.

Sie ist konkrete Gestaltung der Wirklichkeit.

Auf die Empörung müssen konkrete Handlungen folgen.

Deshalb wollen wir gemeinsam überlegen, welche ersten Schritte gegangen werden können.

Vielen Dank für Ihre Aufmerksamkeit.

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