Kapitalismus – sonst nichts? Vom Märchen der Wohlstandsmaschine zu Kriterien der Emanzipation

Kapitalismus – sonst nichts?

Vom Märchen der Wohlstandsmaschine zu Kriterien der Emanzipation

(von Nicolai Hagedorn)

(auch erschienen in der Dezemberausgabe der Zeitschrift graswurzelrevolution)

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Immer weniger Deutsche nehmen Artikel zur Eurokrise noch mit Interesse wahr. Das ergibt eine Untersuchung des Instituts Allensbach. Danach bricht die Lektüre bei Artikeln, die die Signalwörter ESM, ESFM oder Stahlpakt enthalten, oft schon nach 37 Wörtern ab. Danach kann man praktisch jeden Quatsch schreiben, remmbremmerdeng, weil ja ohnehin nur mehr der Mann im Mond zuhört.

Schreibt das Titanic-Magazin, während der kapitalistische Globalskandal ungebremst weiterprozessiert und nach Schätzungen der Internationalen Arbeitsorganisation ILO „kommendes Jahr sieben Millionen Jobs vernichten“ wird, womit die Community der Joblosen weltweit dann bei geschätzten 209 Millionen liegen dürfte. Dazu darf man getrost die 900 Millionen Menschen rechnen, die mit weniger als 2 Dollar am Tag auskommen müssen, obwohl sie nicht als arbeitslos gelten, womit wir dann bei etwa 1,1 Milliarden Menschen ohne wohlstandswirksame Arbeit wären.

„In der Wissenschaft, in der wirklichen Welt: Nach langem „trial and error“ hat sich der Kapitalismus durchgesetzt“, kommentiert Olaf Gersemann in der Welt unter dem Titel „Kapitalismus – was sonst?“ und freut sich darüber, dass das warenproduzierende System sich als „beste aller Wohlstandsmaschinen“ erwiesen habe. ILO-Generaldirektor Somavia hingegen kommt zu dem Schluss, dass „jeder dritte Arbeitnehmer auf der Welt arbeitslos ist oder trotz Arbeit in Armut lebt.“ Oder wie es das Handelsblatt in herzerwärmendem Businessjargon formuliert: „Die globale Beschäftigungssituation bleibt sehr angespannt.“

Angespannt dürfte auch sein, wer solcherart Euphemismen aufgetischt bekommt angesichts der Tatsache, dass die Weltmarktsklaven ja die restliche Weltbevölkerung auch noch mitversorgen müssen, was sich dann zu der Horrorzahl von insgesamt 3,14 Milliarden absolut armen Menschen summiert, die jeweils von ca. 2 Euro am Tag leben müssen. Das entspricht einem Anteil von 48% der Weltbevölkerung.

„Am Elend wird der Kapitalismus nicht zugrunde gehen, aber vielleicht am Reichtum. Die Not der Massen hat er gelindert“, konstatiert Wolfgang Uchatius in der Zeit kontrafaktisch und belegt seine national bornierte Sichtweise folgerichtig so: „Der Durchschnittsdeutsche von heute besitzt: Fernseher, Bücher, Möbel, Digitalkamera, Elektroherd, Waschmaschine, Mobiltelefon, Auto, Computer. Insgesamt: 10.000 Gegenstände. Die Maschine war ziemlich erfolgreich.“

Wer sich nicht vorstellen kann, ohne 10.000 Gegenstände, dafür aber mit 8 Euro am Tag auskommen zu müssen, darf sich darüber freuen, dass er nicht zu den 5,15 Milliarden Menschen zählt, die genau das müssen. 80% der Weltbevölkerung in Armut, also mit einem Tageseinkommen (in Kaufkraft) von unter 8 Euro: Das und nichts anderes ist das Ergebnis der „Erfolgsgeschichte Kapitalismus“.

Der „Durchschnittsdeutsche“ bekommt davon freilich nichts mit, die Bevölkerung hierzulande sei „von der Leistungsfähigkeit und Effizienz unseres Wirtschaftssystems weit mehr überzeugt als noch vor wenigen Jahren. Die wirtschaftliche Entwicklung der letzten Jahre hat vielen das Vertrauen in die Erfolgsträchtigkeit der Marktwirtschaft zurückgegeben“, fasst das Allensbach-Institut die Ergebnisse einer Umfrage zum Thema zusammen.

Während die mit den 10.000 Gegenständen auf die nächsten „Adjustierungen“ (Gersemann) des Systems warten, weiß die Financial Times Deutschland davon zu berichten, dass die 151 so genannten Schwellenländer, auf denen die größten Hoffnungen auf eine neue Runde der Kapitalakkumulation ruhen, „bezogen auf Wachstum, Inflation, Investitionen, Staatsfinanzen und Leistungsbilanz“ hohen Erwartungen nicht gerecht werden. Hinsichtlich einer zu erwartenden Wachstumsrate von drei Prozent, einer Inflation von höchstens 5 Prozent, einer Investitionsquote von mindestens 25%, einer Staatsverschuldung von weniger als 50% und einem Leistungsbilanzdefizit von weniger als 2% ließe sich laut FTD-Test nur ein einziges Schwellenland benennen, das als in jeder Hinsicht solide zu qualifizieren wäre: Lettland.

In diesem Musterland der nachholenden Kapitalisierung sorgte Anfang 2011 eine Serie von Raubüberfällen für Aufsehen. Die Täter waren zum Teil Polizisten, was in der Lettischen Presseschau, einem deutsch-lettischen Nachrichtenprojekt, dahingehend beurteilt wurde, dass unter anderem die Monatslöhne der Polizeibeamten von „281 bis 421 Euro“ schlicht nicht ausreichen: „Mit solchen Summen lässt sich auch in Lettland eine Familie nur schwer über die Runden bringen. Zwar sind die Wohnkosten in Riga noch weitaus geringer als in Köln oder München, doch die Preise für Lebensmittel, Kleidung und sonstige Alltagsware haben längst westliches Niveau erreicht. Ein Teil der Bediensteten jobbt daher in der Freizeit. Polizisten arbeiten als Wachleute, in privaten Sicherheitsdiensten, manchmal arbeiten sie rund um die Uhr.“

Die Geschichte vom Wohlstand bringenden Kapitalismus bleibt, was sie immer war: ein Märchen.

Seit geraumer Zeit wird in den liberalen Mainstreammedien versucht, sich eine Alternative zur Marktwirtschaft vorzustellen, was naturgemäß solange nicht gelingen kann, wie die positivistische, mechanistische Betrachtungsweise gesellschaftlicher Prozesse aufrechterhalten wird.

Das Wesen der inneren Logik der Kapitalverwertung muss unsichtbar bleiben, solange nicht zur Kenntnis genommen wird, dass es sich dabei im Kern um ein gesellschaftliches Fetischverhältnis handelt, das einem einzigen Zweck dient: Aus Geld mehr Geld zu machen.

Die Produktion stofflichen Reichtums in der Gestalt nützlicher Dinge ist unter diesen Bedingungen also immer nur notwendige Begleiterscheinung der Produktion abstrakten Reichtums, wie er sich im Geld ausdrückt. Wo diese misslingt, kommt auch jene ins Stocken, und die produzierten Dinge stellen bloß nutzloses Material dar, das seinen Zweck nicht erfüllt hat. (Trenkle/ Lohoff)

Spätestens seit FAZ-Herausgeber Schirrmacher in einem an Enttäuschungspathos und Larmoyanz kaum zu überbietenden Räsonnement über die Tauglichkeit liberaler Gesellschaftstheorie und –praxis zu der Einsicht kam, „das große Versprechen an individuellen Lebensmöglichkeiten“ habe sich „in sein Gegenteil verkehrt“, hat der bürgerliche Mainstream die Systemkritik für sich entdeckt. Selbstverständlich wird hegemonial betont, es könne nur darum gehen, wie man die Marktwirtschaft „bändigt“, ihre Funktionsweise wieder herstellt usw.

So gesehen ist die von Gersemann in der Welt aufgeworfenen Frage nach einer grundlegenden Alternative schon ein Fortschritt, auch wenn er sie direkt selbst beantwortet, indem er klarstellt, Sozialismus könne auf keinen Fall eine solche sein, dieser sei für „die Bürger“ schließlich „klar als die schlechtere erkennbar“.

So stehen sie also vor einem Rätsel. Denn: „Der Kapitalismus kann so nicht bleiben“, wie die Zeit klug erkennt, andererseits ist er kaum reformierbar, wie die Empirie mittlerweile so unübersehbar zeigt, dass selbst FAZ, Welt und Zeit es nicht mehr hinwegjubeln können.

Dabei ist die Sache so kompliziert eigentlich gar nicht.

Dass eine Wirtschaftsweise zuallererst so funktionieren sollte, dass sie die materiellen Bedürfnisse Aller einigermaßen gleichmäßig befriedigt, möglichst alle Menschen am Arbeitsprozess beteiligt und der auf die Produktion der Güter zu verwendende Zeitaufwand für den Einzelnen dabei möglichst gering sein sollte, könnte sich auch ein bürgerlicher Journalist selbst zusammenreimen. Und dass die kapitalistische Ökonomie genau das Gegenteil evoziert und jene eigentliche Aufgabe nicht einmal im Programm hat, zeigt, dass es sich hier im Grunde gar nicht um eine „Wirtschaftsweise“, sondern um die ins Werk Setzung eines verrückten Selbstzwecks handelt: Trotz ausreichend Produktionsmöglichkeiten zur weltweiten Versorgung der Bevölkerung herrschen Massenarbeitslosigkeit, Massenarmut einerseits und ein idiotischer, krank machender Konkurrenzkampf andererseits.

Auch ohne ein Wort Marx gelesen zu haben, dürfte einleuchten, dass es auf Dauer nicht zu einer vernünftigen Verteilung von produzierten Gütern kommen kann, wenn das zentrale Prinzip der dafür zuständigen ökonomischen Systematik darin besteht, Geld in Güter und dann wieder Güter in Geld zu tauschen, mit dem Ziel, aus einer bestimmten Menge Geld eine größere Menge Geld zu machen.

Es wäre wohl einer Grundschulklasse einsichtig, dass ein solches Vorgehen letztlich dazu führen muss, dass sich Reichtum konzentriert und eben das eigentliche Ziel von vornherein nur verfehlt werden kann.

Wie das besser gemacht werden könnte, liegt auf der Hand.

Es müssten alle Menschen am Produktions- bzw. Leistungsprozess beteiligt werden und die Güter und (Dienst-)Leistungen so verteilt werden, dass alle Menschen genug zu essen, ein Dach über dem Kopf , Zugang zu Kultur und Bildung und genug Zeit haben, das zu tun, wonach ihnen der Sinn steht. Das ist hinsichtlich Produktivität, Logistik und weltweiter Vernetzung längst machbar.

Laut der UN Organisation für Ernährung und Landwirtschaft FAO ist es beim heutigen Stand der Technik möglich, jeden Erdenbewohner mit 2700 Kalorien täglich zu versorgen und wie aus einer Studie aus dem Jahre 2010 (publiziert in „Proceedings oft the Royal Society B“) hervorgeht, gehe es dabei „nicht nur darum, die Menschen satt zu machen, sondern sie auch gesünder und umweltschonender zu ernähren.“ (C. Godfray, zit. n. Zeit online)

Jährlich werden ca. 5 Milliarden Jeanshosen, 65 Millionen Autos und 250 Millionen Fernseher produziert.

Da Produktionskapazitäten unter Marktbedingungen fast nie ausgelastet sind, ist davon auszugehen, dass die mögliche Produktion dieser und aller anderer Produkte deutlich höher liegt.

In etwas mehr als einem Jahr hätte man also die gesamte Weltbevölkerung mit einer zusätzlichen Jeanshose versorgt, bei allen anderen Textilien sieht es ähnlich aus. Geht man davon aus, dass in einem Haushalt 3 Personen leben, könnte bei ca. 1 Milliarde Autos, die derzeit auf der Erde fahren, bereits jetzt jeder zweite Haushalt eines besitzen, bei einer Produktionskapazität von mindestens 70 Millionen Autos jährlich, könnten in 10 Jahren alle Haushalte der Welt mit einem Auto ausgerüstet sein. Mit Fernsehern wären alle in etwa 5 Jahren versorgt.

Nahrung, Kleidung, Mobilität und Zugang zu Informationen für alle: Möglich und machbar.

Wenn man weiterhin berücksichtigt, welche enormen Ressourcen allein in der Verwaltung des sinnlosen Selbstzwecks, also etwa in Banken, Versicherungskonzernen, staatlichen Verwaltungsbehörden, sowie in bedürfnisfremden Segmenten wie der Rüstungsindustrie gebunden sind, drängt sich die Erkenntnis auf: Produktion für alle bei niedrigen Arbeitszeiten für alle ist längst keine Utopie mehr.

Dafür muss man sich aber von der Vorstellung verabschieden, dass es ein blindes System geben muss, dass sich „hinter dem Rücken der Akteure“ (Marx) vollzieht und gleich einer „unsichtbaren Hand“ (Smith) irgendwie alles regelt.

„[Es] wäre doch in seiner (des Individuums, Anm. d. A.) bündigen Negation, der Abschaffung der Monade durch Solidarität, zugleich die Rettung des Einzelwesens angelegt, das gerade in seiner Beziehung aufs Allgemeine erst ein Besonderes würde“, schildert Adorno in der Minima Moralia die Überwindung des Fetischverhältnisses. Im Klartext: Nur in der Solidarität, also im direkten, empathischen Bezug auf andere Individuen „wird“ der einzelne Mensch „ein Besonderes“ und negiert damit sein Gefangensein in Fetischverhältnissen.

Unter den Bedingungen kapitalistischer Vergesellschaftung müssen Gemeinsinn, Kooperation, Solidarität und Empathie aber in einem „privaten“ Bereich in einer so genannten, sprachlich schon verräterischen „Freizeit“ entsorgt und so zur nutzlosen, dem Fortkommen des angeblichen Wohlstands hinderlichen und daher gewissermaßen lächerlichen Randerscheinung werden.

Zwar werden solche Qualitäten im Arbeitsprozess durchaus gebraucht und vernutzt, sie dienen aber darin allein der Beschaffung von abstraktem Reichtum und stehen mithin voll und ganz im Dienste des Fetischverhältnisses. Von ihrem emanzipativen Charakter bleibt dabei nichts übrig.

Mitten unter den standardisierten und verwalteten Menscheneinheiten west das Individuum fort. Es steht sogar unter Schutz und gewinnt Monopolwert. Aber es ist in Wahrheit bloß noch die Funktion seiner eigenen Einzigkeit, ein Ausstellungsstück wie die Mißgeburten, welche einstmals von Kindern bestaunt und belacht wurden. (a.a.O.)

Das ins „Private“ ausgegrenzte existiert nur noch als Hobby im für die Reproduktion irrelevanten Spaßsegment, das von der Kulturindustrie unterhalten wird oder als funktioneller Bestandteil des so genannten Humankapitals: „Da es keine selbständige ökonomische Existenz mehr führt, gerät sein Charakter in Widerspruch mit seiner objektiven gesellschaftlichen Rolle.“ (a.a.O.)

Um das Kapitalverhältnis zu überwinden, muss nicht eine ökonomische Alternative ausgearbeitet werden, sondern das Solidarische, das, wenn man so will Menschliche zum Prinzip der Organisation der Reproduktionstätigkeit gemacht werden. Anders gesagt: Nicht eine Wirtschaftsweise muss überwunden werden, weil, wie gesehen, der Kapitalismus im Grunde gar keine Wirtschaftsweise ist, sondern das Fetischverhältnis, das sich über die Produktion von abstraktem Reichtum, dargestellt im Geldmedium realisiert.

Welt-Journalist Gersemann kann sich das nicht vorstellen, zeigt stattdessen autoritären Charakter und ruft nach dem Erlöser, den es schlechterdings nicht geben kann: „Kapitalismuskritiker gibt es viele – doch wo ist der Intellektuelle, dem zuzutrauen wäre, eine kohärente nicht kapitalistische Wirtschaftsordnung zumindest im Modell zu entwerfen?“

So also stellt man sich gesellschaftliche Umbrüche in Springer-Büros vor: Ein intellektueller Tausendsassa muss kommen, ein Modell entwerfen, am besten mit schöner Powerpoint-Präsentation und Mindmap am Flipchart.

Menschen, die gerade unter dem Diktat der kapitalistischen »Selbstverantwortung« jeder Selbstbestimmung über das eigene Leben beraubt und eigentlich selber nichts mehr sind, fragen unvermeidlich nach einem »Rezept«, wenn sie sich der Ausweglosigkeit ihrer Daseinsweise überführt sehen. Damit beweisen sie nur, daß sie selbst die Überwindung des Kapitalismus noch in kapitalistische Kategorien einbannen wollen. Denn ein »Rezept« setzt bereits voraus, daß die anzustrebende Selbstbestimmung nach vorgefertigten Mustern einer äußerlichen Instanz abzulaufen hat, also sich selber dementiert. Was sich angeben läßt, sind nicht »Rezepte« nach einem sozialen Baukastensystem (das wäre nichts als Sozialtechnologie, die ihren Ort nur im Kapitalismus haben kann), sondern vielmehr Kriterien der Emanzipation. Die »böse Horizontale« fängt nicht mit dem Abspulen eines vorgedachten Programms an, sondern mit der sozialen Rebellion gegen die unverschämten Zumutungen von »Marktwirtschaft und Demokratie«. (R.Kurz)

Die Emanzipation von den „Zumutungen“ kann, dafür braucht es nicht einmal dialektisches Verständnis, weil es eine pure Tautologie ist, nur emanzipatorisch sein.

Innerhalb des Abhängigkeitsverhältnisses vom Kapital wird das nicht vonstattengehen können.

Genauso untauglich wie „eine Diktatur des Proletariats“, ein „Marsch durch die Institutionen“ oder das haarsträubende Vorhaben der RAF, durch Ermordung einzelner Funktionsträger und Anschläge auf symbolträchtige Einrichtungen einen Bewusstseinseffekt beim kapitalistisch deformierten Spießbürger zu erzielen, sind folkloristische Vorstellungen von Subsistenzwirtschaften oder Schenkökonomien.

Es müsste stattdessen die Negation des Finanzierbarkeitsvorbehalts in den Mittelpunkt von Protestaktionen und emanzipatorischen Bewegungen rücken. Wo immer Ressourcen nicht genutzt werden, stofflicher Reichtum nicht dahin gelangt, wo er benötigt wird oder Produktion stattfindet, die Ressourcen bindet ohne an der konkreten Bedürfnisstruktur der Menschen ausgerichtet zu sein, müsste eine antikapitalistische Bewegung aktiv werden.

Ob Wohnungen gebaut, Krankenhäuser betrieben, Nahrungsmittel produziert oder Bahnlinien unterhalten werden, darf nicht davon abhängen, ob die nötige ´Kaufkraft´ vorhanden ist. Kriterium dafür kann einzig und allein die Befriedigung konkreter Bedürfnisse sein. (…) Wenn Ressourcen stillgelegt werden sollen, weil ´das Geld fehlt´, müssen diese eben angeeignet und in bewusster Frontalstellung gegen die fetischistische Logik der modernen Warenproduktion transformiert und betrieben werden. (Lohoff/Trenkle)

Basisdemokratische Grundstrukturen wären konstitutiv, vorstellbar wären Räte- oder Delegiertenkongresse, an welche übergreifende Entscheidungen abgegeben werden können. Dies kann aber im Vorhinein nicht als Masterplan ausgearbeitet werden. Das Wie der Organisation von Menschen, die über die sie betreffenden existenziellen Fragen bewusst, solidarisch und kooperativ entscheiden, wird sich nur in genau dem gleichen Aushandlungsprozess vollziehen können, der auch für die Bereiche der Partizipation, arbeitsteilige Produktion und Verteilung konstitutiv sein müsste. Der konkrete Verlauf eines solchen radikalen, emanzipatorischen Prozesses ist unmöglich absehbar und daher auch nicht modellhaft zu planen.

Eine modellhafte, mechanistische Vorstellung gesellschaftlicher Prozesse, die dem Wesen der Kapitalverwertung entspricht und die der kapitalistische Mensch verinnerlicht hat, wird dann auch das größte Hindernis sein bei der Formierung einer relevanten Bewegung.

Wo immer mehr produziert wird oder werden kann, dafür aber immer weniger menschliche Arbeit gebraucht wird, verlieren die Produkte unweigerlich an Wert. Die Maschinen können die von ihnen hergestellten Produkte nicht kaufen, für sie sind diese „wertlos“. Massenhaft Güter für Menschen zu produzieren, die nur 8 Euro am Tag ausgeben können, entzieht den Unternehmen andererseits die Profit-Möglichkeiten, Lohnerhöhungen hingegen werden von der Konkurrenzsituation auf dem Markt sofort gnadenlos bestraft. Wo aber keine Rendite zu erwarten ist, wird nicht investiert. Mit einem Wort: Die wertbasierte Produktionsweise wird nicht aufrechtzuerhalten sein. Nur durch Monopolisierung und das Auftürmen von Schuldenbergen kann wirtschaftliche Aktivität heute noch in Gang gesetzt werden.

„Wenn diese Bombe eines Tages hochgeht und derzeit sehe ich weit und breit keinen Staatsmann/Staatsfrau von Format, der in die richtige Richtung schreitet, dann können Sie Ihre Sicht-, Termin- und Spareinlagen, welche die Deutschen noch immer mehrheitlich halten, abschreiben. Wenn das zusammenbricht, wird noch kein so hochheiligter Treueschwur von Merkel und/oder Steinbrück mehr helfen“, schreibt Norbert Lohrke, Gründer und Vorstand der Globalyze Invest AG, einer Anlageberatungsfirma, an seine Kunden und dokumentiert damit, dass die Kapitalseite durchaus weiß, wo sie steht: „Am Abgrund“, so der Titel von Lohrkes Kommentar.

Und so trifft Welt-Autor Gersemann mit einem Satz doch noch den Nagel auf den Kopf: „Das Ende der Wirtschaftsgeschichte ist wohl noch nicht erreicht.“

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